Heidehorn 1: Tragwerk einfach erklärt – wer trägt was?

Ein Tragwerk ist der Teil eines Hauses, den man im fertigen Zustand meist nicht bemerkt: alles, was Lasten aufnimmt und bis in den Boden weiterreicht. Am Kulturdenkmal Heidehorn 1 in Bad Schandau, Ortsteil Ostrau, trifft dabei ein altes Haus auf einen möglichen neuen Anbau am Hang. Dieser Beitrag erklärt für Laien, wie die Lasten laufen, und was unsere Vorbemessung dazu bisher annimmt.
Was hier beschrieben wird und was nicht
Beantragt ist derzeit nur Phase 1 am Bestandsgebäude: Bestandsaufnahme, Holzgutachten, Notsicherung und Freilegung der Konstruktion. Holzlaube, Dachterrasse, Sauna und Pool gehören zum Zielbild im 3D-Modell. Sie sind weder beantragt noch genehmigt noch mit der Denkmalbehörde abgestimmt. Die offene Holzlaube ist der aktuelle Stand des Entwurfs, der die frühere Glashalle abgelöst hat, und sie kann sich weiter ändern. Alle Maße und Lasten unten sind Vorbemessung, Planungsstand. Ein Standsicherheitsnachweis liegt nicht vor.
Der Grundgedanke: Jede Last braucht einen Weg
Lasten wirken in zwei Richtungen. Senkrecht drücken das Eigengewicht, Menschen, Möbel und Schnee. Waagerecht wirken vor allem Wind, Erddruck und Erdbeben. Für beide Richtungen muss es einen lückenlosen Weg bis in den Baugrund geben. Fehlt ein Glied, sucht sich die Last einen Weg durch Bauteile, die dafür nicht gedacht sind.
Im Tragwerksschema des Modells sieht der senkrechte Weg für das Zielbild der Laube so aus:
- Laubendach
- Sparren und Pfetten
- Pfosten
- Steinsockel, Stahlbetondecke und Wände im Untergeschoss
- Sohle
- Baugrund
Wie viel ist eine Last? Eine kleine Tabelle
Statiker rechnen in Kilonewton je Quadratmeter (kN/m²). Als Faustregel entspricht 1 kN der Gewichtskraft von rund 100 kg. Eine Nutzlast ist ein Rechenansatz für die Nutzung, keine Angabe, wie viele Menschen tatsächlich auf der Fläche stehen werden.
| Bereich | Last (Vorbemessung) | Anschaulich | Status |
|---|---|---|---|
| Bestand, Gästenutzung | 2,0 kN/m² | rund 200 kg/m² | Tragfähigkeit ist zu prüfen |
| Holzlaube | 3,0 kN/m² | rund 300 kg/m² | Zielbild |
| Dachterrasse auf der Laube | 4,0 kN/m² | rund 400 kg/m² | Zielbild, siehe unten |
| Pool, Wasser bei 1,4 m Tiefe | ca. 14 kN/m² | rund 1.400 kg/m² | Zielbild, Notwendigkeit offen |
Beim Wert für die Dachterrasse ist noch nichts entschieden. Im Projekttagebuch stehen aus der Zeit des früheren Entwurfs 5,0 kN/m² für Stehpublikum. Ein Praxishandbuch zum Terrassenbau nennt nach DIN EN 1991-1 für private Dachterrassen 4,0 und für öffentliche Terrassen 5,0 kN/m². Der Ansatz hängt also von der Nutzung ab, und den maßgeblichen Wert legt der Tragwerksplaner fest.
Das Denkmal: ein eigenes Tragsystem
Der Bestand folgt einer alten Logik: Mauerwerkswände auf Streifenfundamenten, darüber das Fachwerk-Obergeschoss, eine Holzbalkendecke mit Unterzug und ein Sparrendach mit Kehlbalken. Das Haus misst laut Bauakte 13,20 × 7,75 m, die Dachneigung liegt bei ca. 51°.
Der Kehlbalken ist ein gutes Beispiel für einfache Statik. Lange Sparren biegen sich durch. Ein waagerechter Balken zwischen den beiden Dachseiten stützt sie dort, wo die Durchbiegung am größten wäre. Baunetz Wissen nennt als Richtwert, dass Sparren ab etwa 4,50 m Länge einen solchen Balken brauchen.
Wie viel dieses Tragsystem heute noch leistet, ist offen. Erste Freilegungen im Dachgeschoss zeigten teils schwer geschädigte, teils noch intakte Hölzer. Über Erhalt oder Ersatz entscheidet erst das Gutachten eines Holz-Sachverständigen. Vorher lässt sich kein Tragwerk seriös festschreiben.
Holzkranz und Kläfe: die Klammer um die Wände
Mauerwerk verträgt Druck gut, Zug schlecht. Bei Setzungen, Wind oder Erdbeben können Wände auseinanderstreben. Deshalb gibt es Ringanker: Zugglieder am Wandkopf, die laut Baunetz Wissen durchgehend ausgebildet sein müssen. Man kann sie sich vorstellen wie den Reifen um ein Fass. In unseren Unterlagen heißt so ein umlaufendes Band auch Kläfe.
Der Planungsstand sieht zwei solcher Klammern vor:
- Bestand: ein Holzkranz von 45 × 22 cm auf den Mauern, der als Ringbalken die Außenwände verbindet.
- Zielbild am Hang: eine umlaufende Kläfe aus Stahlbeton (30–34 cm) an Pool, Winkelstützmauer und Sauna, dazu eine gemeinsame Gründungsplatte von Pool und Sauna.
Baunetz Wissen nennt als Material für Ringanker Stahlbeton, nicht Holz. Der Holzkranz ist also ein Vorschlag, der am Denkmal eingreifen würde. Ob er rechnerisch reicht und denkmalgerecht wäre, müssen Tragwerksplaner und Denkmalbehörde beurteilen. Die Bewehrung der Stahlbetonteile bleibt ohnehin dem Tragwerksplaner überlassen.
Die Holzlaube: eigene Pfosten, eigene Aussteifung
Im Zielbild hätte die Laube (7,8 × 9,8 m) ein eigenes Traggerüst:
- Pfosten aus Eiche oder Brettschichtholz, 16/16 cm, im Abstand von ca. 1,45 m,
- Randträger aus Brettschichtholz, 20/48 cm,
- Deckenbalken im Abstand von 0,8 m über zwei Felder von je ca. 3,9 m,
- darunter eine Stahlbetondecke von 28 cm auf den Wänden des Untergeschosses, ohne Kragplatte.
Für Wind und Erdbeben reichen Pfosten allein nicht, denn sie würden wie ein Kartenhaus umklappen. Darum sind zwei Dinge vorgesehen. Kopfbänder sind schräge Streben zwischen Pfosten und Träger. Sie bilden ein steifes Dreieck und sollten laut Baunetz Wissen immer paarweise eingesetzt werden, weil die Anschlüsse ohne Weiteres nur Druck aufnehmen. Der Windverband in der Dachebene soll waagerechte Kräfte aus dem Dach zu den ausgesteiften Reihen führen.
Die Pfostenfüße stünden auf Sandsteinsockeln ohne Erdkontakt. Das ist konstruktiver Holzschutz, wie ihn das Modell nach DIN 68800-2 ansetzt.
Eine Frage ist noch offen: Das Schema sieht eine eigene Pfostenreihe vor der Hauswand vor, damit keine Lasten der Laube ins Bestandsmauerwerk gehen. Zugleich verzeichnet es Anker von der Laube zum Holzkranz. Welche Kräfte dieser Anschluss überträgt und ob er das Denkmal belastet, muss der Tragwerksplaner klären.
Was noch fehlt
- Holzgutachten für Dachstuhl und Fachwerk im Obergeschoss.
- Baugrundgutachten mit Bohrungen und Grundwassermessung. Die angenommenen Bodenwerte und die Rechnungen zur Stützmauer stehen im Beitrag Bauen am Hang.
- Erdbebenwert für den Standort aus der Karte der DIN EN 1998-1/NA. Bisher ist ein vorsichtiger Ansatz gerechnet.
- Standsicherheitsnachweis: Nach § 12 der Sächsischen Bauordnung muss jede bauliche Anlage im Ganzen und in ihren einzelnen Teilen standsicher sein. § 66 regelt die bautechnischen Nachweise, die für Gebäude der Gebäudeklassen 1 bis 3 ein eingetragener Tragwerksplaner erstellt. Die Einstufung des Hauses klärt der Bauantrag.
Das Tragwerksschema ist also eine Arbeitsgrundlage für die Fachleute, kein Ergebnis. Sobald Gutachten vorliegen oder sich der Entwurf ändert, können sich die Zahlen ändern.
Mehr zum Projekt
Im 3D-Modell auf der Projektseite Heidehorn 1 lässt sich die Ansicht „Tragwerk (Schema)“ einschalten. Das Beitragsbild zeigt einen älteren Stand des Zielbilds mit Glashalle. Fragen oder Hinweise nehmen wir gern unter info@alitaj.de entgegen.
Planungsstand November 2026. Genehmigungen und Standsicherheitsnachweise stehen noch aus.
Quellen
- Baunetz Wissen: Ringanker
- Baunetz Wissen: Kopfband
- Baunetz Wissen: Aussteifung
- Baunetz Wissen: Kehlbalkendach, Konstruktion
- Eurotec: Praxishandbuch Terrassenbau, Nutzlastkategorien (PDF)
- § 12 SächsBO (Standsicherheit)
- § 66 SächsBO (Bautechnische Nachweise)
- Projektseite Heidehorn 1 mit 3D-Modell
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